Donnerstag, 30. April 2009

Der Anruf

"Teil 1"


Ein Blick auf seine Timex Armbanduhr verriet ihm, dass es bereits nach zehn Uhr abends war. Er hatte sich vorgenommen, diesmal nicht zu lange zu arbeiten, früher nach Hause zu fahren, sich etwas auszuspannen und vielleicht noch einen Sprung bei seiner Tochter vorbeizuschauen. Über all der Arbeit hatte er wieder einmal völlig die Zeit vergessen.
Vielleicht hatte seine Ex-Frau doch recht gehabt. Damals, als er noch verheiratet gewesen war, war er nicht viel öfter bei seinen Lieben gewesen, als er heute Zeit in seinen vier Wänden zubrachte. Unter der Woche kam er eigentlich nur zum Schlafen heim und auch am Wochenende vergrub er sich meistens in seinem Arbeitszimmer.

Noch den Gedanken an vergangene Tage nachhängend, begann er damit, seine Sachen zusammenzupacken und sein Büro abzuschließen. Er hatte es nicht sonderlich eilig in sein Haus zurückzukehren, denn dort erwartete ihn ohnehin niemand. Wahrscheinlich würde er auch heute, wie schon an so vielen Tagen, ziellos durch die Straßen fahren. Eine der wenigen Freuden, die er in seinem monotonen Leben hatte. Es hatte ihm immer schon gefallen, sein eigener Herr zu sein und gerade das Bewegen seines neuen BMWs, durch die Straßenschluchten des Asphaltdschungels, rief dieses Gefühl wie kaum eine andere Tätigkeit in ihm hervor.

Er war inzwischen in der Tiefgarage angelangt und zielstrebig schritt er in die Richtung, in der sich sein Privatparkplatz befand. So weit er erkennen konnte, befanden sich keine weiteren Personen auf dieser Etage der Tiefgarage und wenn er es recht bedachte, würden sich zu dieser späten Stunde wohl kaum irgendwelche Leute auf irgendeiner der acht Parkdecks befinden. Er wusste nicht genau warum, aber aus irgendeinem Grund bereitete ihm dieser Gedanken Unbehagen.

Zu spät bemerkte er den Mann, der sich von hinten an ihn herangeschlichen hatte. Die dunkel gekleidete Gestalt hatte ihn blitzschnell in eine Art Würgegriff genommen und drückte ihm nun einen Wattebausch auf Mund und Nase. Er versuchte sich zu währen, doch schnell musste er erkennen, dass er gegen seinen physisch übermächtigen Gegner keinerlei Chance hat. Mit jeder Sekunde, die verstrich, konnte er seine Sinne schwinden spüren. Das Surren der Nachtbeleuchtung war zu einem gedämpften Brummen geworden. Es kam ihm vor, als wäre er in einen Trichter gefallen und würde immer tiefer hineinrutschen.

Langsam, aber unaufhaltsam begann die Welt um ihn herum schwarz zu werden.