"Teil 16"
Seit mehr als fünf Minuten wartete sie jetzt bereits auf ihren Kaffee. Warum hatte sie sich ausgerechnet das Lokal mit der langsamsten Bedienung der Welt ausgesucht. Sollte sie das Paket einfach aufreißen und den Inhalt vor sich auf den Tisch kippen?
Dann hätte das Warten ein Ende. Nein, nun hatte sie schon so viel Geduld bewiesen, die verbleibenden Minuten würde sie auch noch durchstehen. Erneut blickte sie auf die Speisekarte.
Die Seiten überfliegend stachen ihr einige Worte ins Auge:
Trüffelcreme-Torte, Eiskaffee, Salami-Sandwich, Schinken-Baguette, Sushi, …
Sogar vor diesem Café hatte der Trend zu rohem Fisch nicht Halt gemacht. In letzter Zeit schien es ihr, als ob man an jeder Ecke dieser Stadt Sushi zu kaufen bekam. Sogar ihr kleiner Lebensmittelladen an der Ecke bot seit neuestem zierliche Plastikbehältnisse mit einer Auswahl der beliebtesten Fernost-Spezialitäten an. Sie hatte das Zeug einmal probiert. Nicht in diesem Laden, sondern in einem asiatischen Restaurant Downtown. Bei dem einen Mal war es geblieben. Sie zog es vor ihr Essen gekocht, gegrillt oder sonst wie mit Hitze behandelt zu sich zu nehmen.
Hintergründig hatte sich ein Gedanke eingeschlichen, der nun unvermittelt in ihr Bewusstsein trat: roher Fisch – rohes Fleisch – hatte sie nicht vor kurzem einen Film gesehen, bei dem etwas Ähnliches passiert war?
Eine Frau war entführt worden. Ihr Ehemann hatte sich geweigert das Lösegeld zu bezahlen. Daraufhin hatten die Entführer, um die Ernsthaftigkeit ihrer Absichten zu unterstreichen, dem Mann eine Zehe seiner Gattin per Post zukommen lassen.
Sie wagte es nicht den Gedanken zu Ende zu bringen. Das brauchte sie aber auch gar nicht, denn neben ihr tauchte die Kellnerin auf, um die gewünschte Bestellung abzuliefern. Bevor Anny auch nur ein Wort hervorbrachte, war die Bedienung auch schon wieder verschwunden.
Nun war er also gekommen. Der Augenblick der Wahrheit. Allen möglichen Körperteilen zum Trotz, die sich in diesem Paket befinden konnten, zog sie den Plastikstreifen in die Höhe, um einen Blick auf den Inhalt des Päckchens zu werfen.
Donnerstag, 27. Oktober 2011
Neuigkeiten
Ab Ende Oktober 2011 wird es regelmäßig, zwei Mal pro Monat, eine Fortsetzung zur Geschichte "der Anruf" geben.
Lest doch einfach öfter mal rein!
Lest doch einfach öfter mal rein!
Mittwoch, 19. Oktober 2011
Der Anruf
"Teil 15"
Sie in dem Café sitzen zu sehen, erfüllte ihn mit dem Bedürfnis, ihr näher zu sein. Durch die Glasscheibe des Lokals hatte die Szenerie irgendwie etwas Distanziertes. Fast schien es ihm, als würde er ein Schauspiel beobachten. Etwas das auf einer Bühne aufgeführt wurde, oder gar eine dieser Seifenopern im Fernsehen. In diesem Stück jedoch war er nicht nur ein Beobachter, nein, er hatte das Drehbuch geschrieben. Er war zugleich eine der Hauptpersonen, wie auch Regisseur. Ohne ihn würde alles wie ein Kartenhaus zusammenfallen.
Just in diesem Moment musste er sich jedoch in Geduld üben. Das Paket, welches er ihr hatte zukommen lassen, stand direkt vor ihr auf dem Tisch. Sie hatte es noch nicht geöffnet. So viel Geduld hatte er ihr gar nicht zugetraut. Aber vielleicht war es ja nicht nur Geduld, die sie daran hinderte, den Karton aufzureißen. Vielleicht war auch etwas Angst dabei. Angst davor, was dieses Präsent wohl enthalten möge. Dieser Gedanke faszinierte ihn. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen und versuchte sich in ihre Gefühlswelt hinein zu versetzen.
Sie in dem Café sitzen zu sehen, erfüllte ihn mit dem Bedürfnis, ihr näher zu sein. Durch die Glasscheibe des Lokals hatte die Szenerie irgendwie etwas Distanziertes. Fast schien es ihm, als würde er ein Schauspiel beobachten. Etwas das auf einer Bühne aufgeführt wurde, oder gar eine dieser Seifenopern im Fernsehen. In diesem Stück jedoch war er nicht nur ein Beobachter, nein, er hatte das Drehbuch geschrieben. Er war zugleich eine der Hauptpersonen, wie auch Regisseur. Ohne ihn würde alles wie ein Kartenhaus zusammenfallen.
Just in diesem Moment musste er sich jedoch in Geduld üben. Das Paket, welches er ihr hatte zukommen lassen, stand direkt vor ihr auf dem Tisch. Sie hatte es noch nicht geöffnet. So viel Geduld hatte er ihr gar nicht zugetraut. Aber vielleicht war es ja nicht nur Geduld, die sie daran hinderte, den Karton aufzureißen. Vielleicht war auch etwas Angst dabei. Angst davor, was dieses Präsent wohl enthalten möge. Dieser Gedanke faszinierte ihn. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen und versuchte sich in ihre Gefühlswelt hinein zu versetzen.
Abonnieren
Posts (Atom)