Montag, 17. Dezember 2012

Der Anruf


"Teil 28"

Er hatte immer noch keine Ahnung, wo er sich eigentlich befand. Die Dunkelheit war beinah undurchdringlich. Nur ein schmaler Lichtstreif unter der einzigen Tür zu diesem Raum linderte die Finsternis um einen Hauch. Nachdem er seine Benommenheit halbwegs überwunden hatte, hatte er begonnen, seine Umgebung zu erkunden. 

Der Raum, in dem er sich befand, war etwa sechs mal sechs Meter groß und verfügte über einen einzigen erkennbaren Zugang. Diese Tür war verschlossen und wirkte äußerst massiv. Fenster gab es keine. Außer der Matratze, auf der er aufgewacht war, schien das Gefängnis völlig leer zu sein. Nur ein zusammengeknülltes Stück Papier lag auf dem kalten Beton-Fußboden.

Inzwischen saß er wieder auf dem Rand seiner Matratze und hatte die Papierkugel in der Hand. Er faltete die Kugel auf, strich das Papier glatt und fragte sich was es auf dem Blatt zu lesen gab. War es leer, beschrieben oder bedruckt und wer hatte es hier liegen lassen?
All diese belanglosen Fragen lenkten ihn von der einen entscheidenden ab. 


Freitag, 19. Oktober 2012

Der Anruf



"Teil 27"

Für Anny lief die ganze Situation wie in Zeitlupe ab. Trotzdem hatte sie keine Chance die Lampe zu fangen. Fast wie erstarrt verfolgte sie das Geschehen. Sie hockte immer noch hinter dem Sofa, allerdings in einer bizarr verdrehten Art und Weise. Sie hörte Schritte, dann tauchte eine junge Frau direkt vor ihr auf. Sie hielt einen Schürhaken in der Hand und wirkte verängstigt und wütend zugleich.

Frau: „Wer zum Teufel sind sie und was wollen sie hier?“

Anny brauchte ein paar Sekunden um eine Antwort zu finden. Langsam uns sehr defensiv richtete sie sich auf.
Anny: „Mein Name ist Anny. Ich bin auf der Suche nach Matthew Evans.“
„Wie kommen sie in diese Wohnung?“
„Die Tür stand offen. Ich bin einfach reingegangen, als ich von oben Schritte hörte.“
„Woher kennen sie meinen Vater?“
„Matthew Evans ist ihr Vater?“
„Ja, also woher?“
„Das ist eine ziemlich komplizierte Geschichte. Das können sie mir glauben.“



Montag, 3. September 2012

Der Anruf



"Teil 26"

Jemand war im Stockwerk über ihr. Die Treppe, die die beiden Etagen der Wohnung miteinander verband endete am anderen Ende des Wohnzimmers. An jenem Ende nahe des Ausgangs. Jeden Moment konnte der Einbrecher die Treppe herunter kommen. Sie hatte keine Zeit den gesamten Raum zu durchqueren. Instinktiv ging sie hinter der Couch in Deckung, als  am oberen Ende der Treppe jemand auftauchte.

Sie hatte mit einem dunkel gekleideten Mann, möglicher Weise mit Strickmütze gerechnet. Die junge Frau, die statt dessen aufgetaucht war und die nun die Stufen herunterkam, hatte sie nicht erwartet. Durch die Spalte im Sofa versuchte Anny einen noch genaueren Blick auf die Frau zu erhaschen. Sie hatte gerade ein Handy aus ihrer Hosentasche gefischt und ging, den Blick auf das Display gerichtet, langsam die Treppenstufen hinunter.
Sie war nicht besonders groß, eher zierlich und hatte lange blonde Haare. Ihr Blick wirkte beunruhigt, ihre Haltung strahlte eine gewisse Unruhe aus.
Plötzlich blickte die junge Frau auf und dabei genau in Annys Richtung. Erschrocken wich Anny zurück und stieß dabei mit einem Bein gegen ein kleines Tischchen. Die darauf befindliche Lampe wackelte kurz, nur um den Bruchteil einer Sekunde später auf den Boden zu fallen und mit einem lauten Klirren zu zerspringen.


Mittwoch, 18. Juli 2012

Der Anruf


"Teil 25"


Ihr erster Impuls bestand darin, auf dem Absatz kehrt zu machen und das Weite zu suchen. Sie zögerte. Nun war sie schon mal hier. Sie konnte immerhin einen flüchtigen Blick in die Wohnung werfen. Sie brauchte nicht einmal hineinzugehen. Nur die Tür ein wenig aufschieben und …
  
Mit einem leisen Knarren schwang die Tür nach innen auf. Das Knarren kam ihr in der Stille des Flurs unheimlich laut vor. In ihrer Fantasie hatte sie sich eine verwüstete Wohnung ausgemalt. Anstatt Chaos, hatte sie einen säuberlich aufgeräumten und hellen Eingangsbereich vor sich. Erneut machte sich Verwirrung breit.

Sie überwand ihre Scheu und setzte den Fuß über die Schwelle. War der Flur nach der Wohnungstür noch etwas schmal und leicht beengt, öffnete sich dahinter ein großes, geräumiges und hohes Wohnzimmer mit großzügiger Glasfassade. Auch hier deutete nichts auf einen Einbruch hin. Keine durchwühlten Schubladen, kein Durcheinander.
Was hatte das zu bedeuten?
Sie wollte gerade weiter in die Wohnung vordringen, als ein Geräusch sie aufschreckte. Hatte sie sich getäuscht. Spielten ihr ihre angespannten Nerven einen Streich?
Wieder ein Knarren, dann Schritte. Kein Zweifel, sie war nicht alleine hier.


Freitag, 8. Juni 2012

Der Anruf


"Teil 24"


Aber was erwartete sie sich dann eigentlich von dem Besuch in Evans Wohnviertel. Sie konnte sich diese Frage selbst nicht so recht beantworten. Es würde sich schon etwas ergeben, wenn sie nur erstmal dort war. Zumindest hoffte sie das.
Als sie die U-Bahn verließ und nur mehr zwei Blocks zu Fuß zurückzulegen hatte, begann ihr Herz merklich schneller zu klopfen.
 
Evans zuhause ähnelte seinem Büro. Das mehrstöckige Gebäude war zwar kein Wolkenkratzer, aber dennoch eine Wohneinheit mit einer zweistelligen Anzahl an Stockwerken. Die Glasfront und die klaren Formen und Linien strahlten eine kalte Zweckdienlichkeit aus. 
Die Tür zum Eingangsbereich stand sperrangelweit offen. Sie interpretierte das als positives Zeichen. Die Klingelknöpfe wiesen den Namen Evans neben der Nummer 64 aus und daraus schloss sie, dass sie im sechsten Stock zu suchen hatte. Schnurstracks lief sie zu einem der beiden Aufzüge und drückte die Sechs.
Sanft glitt der Aufzug nach oben. Als sich die Türen öffneten, stand sie direkt vor der Nummer 60. Rechts davon die 62 und im hinteren rechten Eck blitzten ihr die beiden silbernen Ziffern 6 und 4 entgegen. Zögerlich trat sie auf die Tür zu, als sie bemerkte, dass diese einen Spalt breit offen stand.  

Sonntag, 22. April 2012

Der Anruf

"Teil 23"

Im Internet kann man manchmal mehr Infos über bestimmte Leute finden, als man gemeinhin glauben möchte. Inzwischen wusste sie beträchtlich mehr über diesen Matthew Evans, als noch vor wenigen Stunden. Unter anderem seine aktuelle Wohnadresse. Einerseits hielt sie es zwar für keine besonders weise Idee, einfach so bei der Wohnung eines ihr gänzlich Unbekannten aufzutauchen, auf der anderen Seite war es im Moment die einzig nützliche Idee, die ihr einfiel. Also beschloss sie nach der Arbeit nur einen kurzen Sprung nach Hause zu fahren, um zu duschen und die Sachen zu wechseln. Auf ihrer Fahrt zur Wohnung des Entführungsopfers versuchte sie ihre Nerven so gut wie möglich im Zaum zu halten. Sie hatte zwar nicht das Gefühl verfolgt zu werden, aber zu sicher wollte sie sich in dem Punkt nicht sein. Regelmäßig riskierte sie einen Blick über ihre Schulter. Der unheimliche Irre war aber nicht das Einzige worüber sie sich Sorgen machte. Was sollte sie der Polizei erzählen, wenn sie erneut einem Streifen-Beamten in die Hände lief. Was, wenn es vielleicht sogar derselbe vom letzten Mal war? So viel Glück würde sie garantiert nicht noch einmal haben. Sie hätte wohl ziemlichen Erklärungsnotstand gegenüber den Detectives. Und das, was sie zu sagen hatte, hörte sich auch nicht gerade wie eine Offenbarung an. Eher wie die wirre Lügengeschichte einer armen Geisteskranken. Der Polizei einfach die Wahrheit zu erzählen war ihr zwar mehrmals in den Sinn gekommen, aber irgendwie schien ihr der Zeitpunkt für dieses Vorhaben noch nicht gekommen.

Dienstag, 17. April 2012

Der Anruf

"Teil 22"

Der Tag hatte verdammt lange gedauert. Viel zu lange für Annys Geschmack. Nur gelegentlich hatte sie die Möglichkeit gehabt, das Internet nach nützlichen Informationen zu durchforsten. Zumindest hatte sie, als sie ihr Büro verließ, einen neuen Plan. Sie wollte nicht warten, bis sich dieser Spinner wieder bei ihr meldete. Wollte ihm nicht die ganze Initiative überlassen. Es war ihr klar, dass dieses Spiel nach dem Drehbruch eines vielleicht wirklich gefährlichen Irren gespielt wurde. Aber möglicher Weise hatte er nicht alles bedacht. Nicht jeden einzelnen Schachzug im Vorhinein geplant.


Sonntag, 1. April 2012

Der Anruf - eine Fortsetzungsgeschichte

"Teil 21"

Alles in ihr sträubte sich davor, dass Gespräch entgegen zu nehmen. Mit dem lärmende Telefon in der Hand bahnte sie sich ihren Weg aus dem Lokal. Als sie unter freiem Himmel angekommen war, hatte das Handy aufgehört zu läuten. Der Anrufer hatte aufgelegt.

Sie wusste nicht so recht, was sie damit anfangen sollte. War das gut oder schlecht? Hatte sie einen Fehler begangen? Sie besann sich darauf, dass sie zurück zu ihrer Arbeit musste. Sie würde bald feststellen, ob ihr Handeln irgendwelche Konsequenzen hätte. Jetzt konnte sie ohnehin nichts mehr daran ändern.

Dienstag, 21. Februar 2012

Der Anruf

"Teil 20"

Neben ihr war die Kellnerin aufgetaucht. Sie hatte sich bereits daran gemacht, den Tisch für neue Kundschaft zu säubern.
Plötzlich tauchte das Gesicht der Bedienung direkt vor ihr auf. Ihre Lippen bewegten sich, aber Anny brauchte einige Sekunden um zu begreifen, dass die Kellnerin versuchte ihr etwas zu sagen.

„Miss, ihr Handy läutet. Wollen sie nicht rangehen?“

Dieser schlichte Satz riss Anny aus ihrer Lethargie. Ihr Mobiltelefon läutete immer noch. Sie zog es aus ihrer Handtasche. Die Schrift auf dem Display lautete: „Unbekannter Anrufer“

Mittwoch, 11. Januar 2012

Der Anruf

"Teil 19"

Vor einigen Monaten hatte sie sich eine Verletzung am Ringfinger der linken Hand zugezogen. Nichts Schlimmes, nur eine kleine Schnittwunde. Die Verletzung war nicht allzu tief und hatte schnell wieder zu bluten aufgehört, aber davor hatte sie es geschafft, ihren nagelneuen Rock, ihre Bluse und sogar ihre Socken mit Blut zu besudeln. Das war das erste Mal, soweit sie sich erinnerte, das Blut auf ihre Kleidung gekommen war. In den Tagen darauf, musste sie die Erfahrung machen, dass es verdammt schwer war, die hartnäckige, bräunlich-rote Flüssigkeit wieder aus den Kleidungsstücken zu bekommen. Ihre Bluse hatte sie wegschmeißen können.

Hier, mitten in diesem Café, wurde ihr eines unwiderruflich bewusst. Sie brauchte dafür keine Labor-Untersuchung und keinen DNS-Test. Der Fleck auf diesem Sakko war Blut. Und dieses Blut gehörte Matthew Evans. Er war entführt worden. War vermutlich verletzt, vielleicht bereits tot … und … derjenige, der diese Tat begangen hatte, hatte es nun auf sie abgesehen.

Dieser Gedanke jagte durch ihren Kopf wie ein wildgewordener Stier durch eine Arena. Sie versuchte sich zu beruhigen. Sie stand mitten in einem Café, atmete schwer, musste sich an ihrem Tisch abstützen, um nicht vollkommen das Gleichgewicht zu verlieren.