"Teil 60"
Bärtiger Typ: Lust auf 'nen Drink?
Da er diese vier Worte fast gepresst
und mit etwas piepsiger Stimme, die in starkem Kontrast zu seinem
Äußeren stand, hervorstieß, musste Anny beinahe lachen.
Sie riss sich zusammen und erwiderte
kurz und knapp.
Anny: Danke, nein. Ich warte auf
jemanden.
Der Biker ließ sich nichts anmerken,
machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück zu einer Gruppe
grobschlächtiger Kerle, die nahe der Bar standen.
Die Abfuhr war leichter als gedacht,
aber sie brauchte immer noch eine Idee. Anny wühlte in ihrer
Handtasche und fand … einen Lippenstift!
„Perfekt“, entfuhr es ihr.
Sie spielte mit dem Lippenstift und
ließ ihn „dummerweise“ so fallen, dass er direkt unter den
Billardtisch rollte. Sie schlug sich mit einer theatralischen Geste
gegen den Kopf und machte sich sogleich daran, auf allen Vieren,
unter den Tisch zu krabbeln.
Sie scherte sich nicht um die Blicke
der Umstehenden. Den Lippenstift schnell wieder gefunden, brauchte
sie nicht lange nach dem gesuchten Gegenstand zu suchen. In der Mitte
der unteren Tischplatte war ein altes Filmdöschen, mit Klebeband, am
Holz befestigt.
Einmal kräftig daran ziehen und schon
hatte sie es in der Hand und ließ es sogleich in ihrer Tasche
verschwinden.
Halb robbend kam sie wieder unter dem
Tisch hervor. Sie hatte zum Glück nicht ganz so viel Aufmerksamkeit
erregt, wie sie befürchtet hatte. Ein paar Augen waren zwar auf sie
gerichtet, vorallem der Spieler, die sich um den Tisch versammelt
hatten, aber mehr auch nicht.
Sie stand hastig auf, präsentierte
ihren wiedergefundenen Lippenstift und murmelte ein gut erkennbares
„Sorry“ in deren Richtung.
Der eine oder andere schüttelte zwar
den Kopf, aber schon im selben Moment wurde das unterbrochene Spiel
wieder aufgenommen und Anny konnte in die „Anonymität der Masse“
untertauchen.
Sie zog sich in eine halbwegs ruhige
Ecke zurück und versicherte sich, dass niemand sie beobachtete.
Erst jetzt wagte sie es, einen Blick in
das Filmdöschen zu werfen. Ein Stück Papier. Eine Karte. Zumindest
auf der Vorderseite des Papiers. Hier war es zu dunkel um näheres zu
erkennen.
Auf der Rückseite stand etwas
geschrieben. Die Schrift schien fast im Halbdunkel zu leuchten. Sie
musste mit einer speziellen Tinte geschrieben sein.
Dort stand: „Geh zum Tresen. Dort
steht ein hagerer Typ mit Cowboyhut und Narbe im Gesicht. Sein Name
ist Chuck. Flirte mit ihm und bitte ihn mit dir hinter das Lokal zu
gehen. Das ist der Code. Er wird dir weitere Infos geben.“