Mittwoch, 8. Dezember 2010

Der Anruf

"Teil 8"

„Ich möchte, dass vorläufig nichts an die Presse durchsickert. Wir müssen zuerst einige Erkundigungen einholen, aber so wie ich das bisher sehe, sieht das alles nach einem klassischen Fall aus.“
„Ich bin ganz ihrer Meinung, Sir. Bis wann rechnen Sie mit der Lösegeld-Forderung?“
„Es sieht ganz danach aus, als ob hier Profis am Werk wären. Wenn dem wirklich so ist, werden sie uns vorher etwas zappeln lassen und noch mindestens 24 Stunden bis zu ihrem ersten Anruf warten.“
Mehr bekam sie von dem Gespräch nicht mit, welches die beiden adrett gekleideten Männer, die gerade im Aufzug verschwunden waren, geführt hatten. Dieses wenige genügte aber, um ihre Neugier wieder vollends zu entfachen.
Den Pförtner hatte sie inzwischen völlig vergessen. Sie achtete darauf, in welchem Stockwerk der Aufzug anhielt. Nach einigen Sekunden betätigte sie den Rufknopf, um in dieselbe Etage zu fahren. Sie wusste zwar selbst nicht so recht, was sie eigentlich vor hatte, aber nun hatte sie es eilig. Noch bevor sie sich ein Konzept zurechtlegen konnte, öffneten sich die Fahrstuhltüren. Sie hatte erst gar keine Chance auch nur einen Schritt aus dem Lift heraus zu machen, denn ein großgewachsener Afroamerikaner versperrte ihr den Weg.

Die Polizei-Uniform die er trug und sein stattlicher Körperbau ließen keinerlei Zweifel an seiner Autorität.

Freitag, 1. Oktober 2010

Der Anruf

"Teil 7"


Der Vormittag konnte für sie nicht schnell genug vergehen. Ihre hintergründige Furcht war teilweise in Neugierde umgeschlagen. Sie konnte es kaum erwarten, herauszufinden, ob dieser Mr. Evans tatsächlich existierte, und wenn ja, ob er wirklich verschwunden war. 15 Minuten bevor ihre Mittagspause eigentlich begann, gab sie vor, einen wichtigen Termin bei ihrem Arzt einhalten zu müssen und begab sich schnurstracks zur nächsten U-Bahn-Haltestelle um zur 6thAvenue zu fahren.

Als die U-Bahn endlich ihr Ziel erreichte, war ihre Neugierde kaum noch zu zügeln. Sie kannte das Bürogebäude, welches sich nun vor ihr auftat sehr wohl, da es eines der mächtigsten und imposantesten der ganzen Stadt war. Sie hatte erwartet einige Streifenwagen und eine ganze Horde von Polizisten am Haupteingang des Wolkenkratzers vorzufinden, doch was sie stattdessen zu sehen bekam, ließ sie sich ziemlich dumm vorkommen. Sie hatte diesem blöden Anrufer tatsächlich Glauben geschenkt und deswegen beinahe ihre halbe Mittagspause damit verschwendet, sich zu einem Hochhaus zu begeben, das keinerlei Anzeichen einer spektakulären Entführung aufwies. Einzig und allein ein in die Jahre gekommener, aber immer noch sehr aktiver Pförtner bewachte die Eingangshalle. Er gab sich große Mühe, jedem Neuankömmling einen „Guten Tag“ zu wünschen und ihm seine Hilfe anzubieten. Sie war bereits drauf und dran wieder kehrt zu machen und in ihr Büro zurückzukehren, doch da sie nun schon einmal hier war, entschied sie sich dazu, den Pförtner nach dem Büro von Mr. Evans zu fragen.

Unschlüssig, was genau sie nun sagen sollte, machte sie einen Schritt in die Richtung des alten Mannes. Als sie bereits zum Sprechen ansetzte, schnappte sie einige Wortfetzen auf, die ihre Konzentration völlig in Beschlag nahmen.

Mittwoch, 21. Juli 2010

"Teil 6"

Wie angewurzelt blieb sie stehen und blickte zu dem etwa 1.90m großen Mann hoch. Dieser schien etwas in Eile und war deshalb kurz angebunden.
„Entschuldigen Sie, Miss, war meine Schuld.“
Sie hatte sich seit dem leichten Zusammenstoß keinen Millimeter gerührt und als sie nun selbst zu einer Entschuldigung ansetzen wollte, hatte der Mann bereits das Abteil verlassen und verschwand in der Menge.
Sie hatte zu wenig Zeit gehabt, ihn genau anzusehen, aber sie hätte schwören können, dass sie diesen Mann bei anderer Gelegenheit schon einmal irgendwo gesehen hatte. Vor allem die Augen waren ihr aufgefallen.

Sie war etwa 1.70m groß und hatte eine, seiner Meinung nach, geradezu fantastische Figur. Ihre langen, kastanienbraunen Haare und ihre schier endlosen Beine, hatten ihn besonders in den Bann gezogen. Es hatte noch nicht viele Frauen in seinem Leben gegeben und in Verbindung mit einer dieser von einer ernsthaften Beziehung zu sprechen, wäre übertrieben gewesen. Mit dieser Frau aber konnte er sich vorstellen, viele schöne Stunden zu verbringen. Leider war ihr vom Schicksal eine andere Rolle zugedacht worden. Jetzt, da er kaum zehn Meter von ihr entfernt in diesem Abteil stand, hatte er alle Mühe, sie nicht all zu lange anzustarren und damit ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er hatte sich hiermit ohnehin schon zu weit vorgewagt.
Trotz alledem wollte er sie berühren. Ihre zarte Haut liebkosen und das Salz von ihrem Körper lecken. Vielleicht würde er ja seine Chance bekommen. Wer wusste schon, was die Zukunft für einen parat hielt.


Ende Kapitel 1

Freitag, 14. Mai 2010

Der Anruf

"Teil 5"

Als er sie damals ausgesucht hatte, war sie nur ein Name in einem Telefonbuch gewesen. In den Wochen, in denen er seinen Plan ausgearbeitet und in seinem Kopf immer wieder durchgespielt hatte, hatte er ihren Tagesablauf genau studiert und versucht, sie so gut wie möglich kennen zu lernen. Als er sie zum ersten Mal zu Gesicht bekam, war er hocherfreut über die „Gegenspielerin“ gewesen, welche ihm das Schicksal zugewiesen hatte.

Sie fuhr jeden Tag mit der U-Bahn zu ihrem Arbeitsplatz und dabei bewältigte sie die etwa 20-minütige Strecke, dank jahrelanger Routine, mit einer tranceähnlichen Unbeschwertheit. Nicht aber diesmal. Obwohl sie sich vorgenommen hatte, bis zu ihrer Mittagspause nicht mehr an diesen Matthew Evans zu denken, spukte die Geschichte dauernd in ihrem Kopf herum. Nicht genug damit, hatte sie auch noch das vage Gefühl beobachtet zu werden.
Unsicher und sehr darauf bedacht nicht aufzufallen, blickte sie sich im U-Bahn-Abteil um. Leute aller Klassen und Schichten auf dem Weg zur Arbeit. Jugendliche unterwegs zu ihren Schulen. Einige ziellose Obdachlose. Nichts Besonderes. Trotzdem konnte sie dieses Gefühl nicht so leicht loswerden. Lautlos schollt sie sich selbst dafür, dass sie durch einen einfachen Anruf eines Spinners derart aus der Bahn werfen ließ. Oder war er doch mehr, als nur ein Spinner? Obwohl sie es nie zugegeben hätte, ließ sie der Gedanke nicht mehr los.
Auf ihrer Suche nach dem vermeintlichen Verfolger, hatte sie inzwischen fast den ganzen Waggon durchquert, als sie plötzlich mit einem großgewachsenen Mann zusammenstieß, der sich gerade auf die Ausgangstür zuschob.

Freitag, 19. Februar 2010

Der Anruf

"Teil 4"

„Gestern Abend habe ich den Börsenmakler Matthew Steven Evans aus seinem Bürohaus in der 6th Avenue entführt. Spätestens morgen bei Arbeitsbeginn wird sein Verschwinden entdeckt werden. Morgen Abend dürften die ersten Berichte in den lokalen Nachrichten erscheinen.“
„Wenn das eine Lösegeld-Forderung sein ...“
„Nein! Halten sie Ihre Klappe. Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich Sie, wie Mr. Evans zufällig ausgewählt habe.“
„Was hat das Ganze dann für einen Sinn?“
„Es ist ein Spiel, Anny. Nichts weiter.“

Die Verbindung war unterbrochen. Ohne es zu bemerken, hatte sie sich während des Telefonats wieder völlig in ihr Bett zurückgezogen. Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber der Anruf hatte sie zutiefst beunruhigt. Trotz des warmen Frühlingsmorgens, der sich inzwischen mit ersten Sonnenstrahlen ankündigte, hatte sie zu frösteln begonnen. Entgegen ihrer Gewohnheiten, entschloss sie sich, noch einmal für fünf Minuten unter ihre Bettdecke zu schlüpfen. Als sie das Gespräch im Geiste noch einmal Revue passieren ließ, kam sie sich ziemlich dumm vor, nicht gleich aufgelegt zu haben. Dies war ja nicht der erste ungewöhnliche Anruf gewesen, den sie seit dem Umzug in diese Stadt bekommen hatte. Der Bursche war nichts anderes, als ein weiterer dämlicher Spinner, der sein Vergnügen daraus bezog, anderen Leuten, im Speziellen Frauen, Angst einzujagen.
Während sie die Splitter des zerbrochenen Glases aufsammelte, versuchte sie den Vorfall aus ihrem Gedächtnis zu streichen. Das schien ihr auch sehr gut zu gelingen. Zumindest so lange, bis sie sich dazu entschloss, in ihrer Mittagspause bei dem vom Anrufer erwähnten Bürogebäude vorbei zu schauen.