Freitag, 14. Mai 2010

Der Anruf

"Teil 5"

Als er sie damals ausgesucht hatte, war sie nur ein Name in einem Telefonbuch gewesen. In den Wochen, in denen er seinen Plan ausgearbeitet und in seinem Kopf immer wieder durchgespielt hatte, hatte er ihren Tagesablauf genau studiert und versucht, sie so gut wie möglich kennen zu lernen. Als er sie zum ersten Mal zu Gesicht bekam, war er hocherfreut über die „Gegenspielerin“ gewesen, welche ihm das Schicksal zugewiesen hatte.

Sie fuhr jeden Tag mit der U-Bahn zu ihrem Arbeitsplatz und dabei bewältigte sie die etwa 20-minütige Strecke, dank jahrelanger Routine, mit einer tranceähnlichen Unbeschwertheit. Nicht aber diesmal. Obwohl sie sich vorgenommen hatte, bis zu ihrer Mittagspause nicht mehr an diesen Matthew Evans zu denken, spukte die Geschichte dauernd in ihrem Kopf herum. Nicht genug damit, hatte sie auch noch das vage Gefühl beobachtet zu werden.
Unsicher und sehr darauf bedacht nicht aufzufallen, blickte sie sich im U-Bahn-Abteil um. Leute aller Klassen und Schichten auf dem Weg zur Arbeit. Jugendliche unterwegs zu ihren Schulen. Einige ziellose Obdachlose. Nichts Besonderes. Trotzdem konnte sie dieses Gefühl nicht so leicht loswerden. Lautlos schollt sie sich selbst dafür, dass sie durch einen einfachen Anruf eines Spinners derart aus der Bahn werfen ließ. Oder war er doch mehr, als nur ein Spinner? Obwohl sie es nie zugegeben hätte, ließ sie der Gedanke nicht mehr los.
Auf ihrer Suche nach dem vermeintlichen Verfolger, hatte sie inzwischen fast den ganzen Waggon durchquert, als sie plötzlich mit einem großgewachsenen Mann zusammenstieß, der sich gerade auf die Ausgangstür zuschob.

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