Donnerstag, 27. Oktober 2011

Der Anruf

"Teil 16"

Seit mehr als fünf Minuten wartete sie jetzt bereits auf ihren Kaffee. Warum hatte sie sich ausgerechnet das Lokal mit der langsamsten Bedienung der Welt ausgesucht. Sollte sie das Paket einfach aufreißen und den Inhalt vor sich auf den Tisch kippen?
Dann hätte das Warten ein Ende. Nein, nun hatte sie schon so viel Geduld bewiesen, die verbleibenden Minuten würde sie auch noch durchstehen. Erneut blickte sie auf die Speisekarte.
Die Seiten überfliegend stachen ihr einige Worte ins Auge:
Trüffelcreme-Torte, Eiskaffee, Salami-Sandwich, Schinken-Baguette, Sushi, …
Sogar vor diesem Café hatte der Trend zu rohem Fisch nicht Halt gemacht. In letzter Zeit schien es ihr, als ob man an jeder Ecke dieser Stadt Sushi zu kaufen bekam. Sogar ihr kleiner Lebensmittelladen an der Ecke bot seit neuestem zierliche Plastikbehältnisse mit einer Auswahl der beliebtesten Fernost-Spezialitäten an. Sie hatte das Zeug einmal probiert. Nicht in diesem Laden, sondern in einem asiatischen Restaurant Downtown. Bei dem einen Mal war es geblieben. Sie zog es vor ihr Essen gekocht, gegrillt oder sonst wie mit Hitze behandelt zu sich zu nehmen.
Hintergründig hatte sich ein Gedanke eingeschlichen, der nun unvermittelt in ihr Bewusstsein trat: roher Fisch – rohes Fleisch – hatte sie nicht vor kurzem einen Film gesehen, bei dem etwas Ähnliches passiert war?
Eine Frau war entführt worden. Ihr Ehemann hatte sich geweigert das Lösegeld zu bezahlen. Daraufhin hatten die Entführer, um die Ernsthaftigkeit ihrer Absichten zu unterstreichen, dem Mann eine Zehe seiner Gattin per Post zukommen lassen.
Sie wagte es nicht den Gedanken zu Ende zu bringen. Das brauchte sie aber auch gar nicht, denn neben ihr tauchte die Kellnerin auf, um die gewünschte Bestellung abzuliefern. Bevor Anny auch nur ein Wort hervorbrachte, war die Bedienung auch schon wieder verschwunden.

Nun war er also gekommen. Der Augenblick der Wahrheit. Allen möglichen Körperteilen zum Trotz, die sich in diesem Paket befinden konnten, zog sie den Plastikstreifen in die Höhe, um einen Blick auf den Inhalt des Päckchens zu werfen.

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