Dienstag, 17. Mai 2011

Der Anruf

"Teil 12"

Schon als Kind war sie mit ihrer übertriebenen Fantasie aufgefallen. Positiv, weil sie in der Schule fast alle Aufsatz-Wettbewerbe gewann und negativ, weil sie sich oft Geschichten zusammengesponnen hatte, die mehr dem Reich der Fantasie zuzuordnen waren.
Natürlich wurde sie von keiner Kugel aus der imaginären Pistole des Pförtners niedergestreckt und erreichte lebend und leicht zitternd die Drehtür, die die Besucher des Bürogebäudes auf den Platz davor ausspuckte.
Noch verwirrter als am Vormittag schlenderte sie ziellos über den Platz, als sie plötzlich jemanden ihren Namen rufen hörte: „Anny Warshaw!“
Zuerst konnte sie nicht genau feststellen, woher die Stimme kam, doch als sie eine 180-Grad-Drehung nach rechts vollführte, entdeckte sie einen etwa 14-jährigen Jungen mit roten Haaren und Sommersprossen im Gesicht, der auf sie zugelaufen kam. Sie hatte diesen Jungen noch nie zuvor gesehen, aber unwillkürlich fühlte sie sich an die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, die sie als Kind immer sehr gerne gelesen hatte, erinnert. Der Junge setzte sein breitestes Lächeln auf und mit den Worten: „Miss Warshaw, das hier ist für Sie“, überreichte er ihr ein kleines Paket, welchem sie bis jetzt keinerlei Beachtung geschenkt hatte. Etwas verblüfft nahm sie das Päckchen in Empfang und befühlte die mit Backpapier überzogene quaderförmige Schachtel mit ihren Fingerspitzen. Als sie wieder aufblickte, sah sie gerade noch, wie sich der Junge inmitten einer Menschentraube, in Richtung U-Bahn-Abgang quetschte. Für den Bruchteil einer Sekunde zog sie es in Erwägung, dem Burschen zu verfolgen. Als sie das Päckchen in ihren Händen näher betrachtete, verwarf sie den Gedanken jedoch.

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